Sonntag, 1. Februar 2015

Anwältin mit Huskyschlitten - Yvonne Hofschneider

Für viele Juristen zählt nur der nächste Schritt auf der Karriereleiter. Yvonne Hofschneider hingegen hat sich diesem Druck entzogen und ist dem Ruf ihres Herzens ins kalte Lappland gefolgt. Die Anwältin, die noch vor Kurzem in einer renommierten Münchner Großkanzlei arbeitete, verwirklichte ihren Kindheitstraum und lebt jetzt auf einer Husky-Farm in Finnland. 




Liebe Yvonne, kannst Du uns eine kleine Übersicht über Dein bisheriges Leben geben?
Aus meiner Sicht ist das ziemlich unspektakulär. Ich wurde 1984 in Berlin geboren, bin dann aber in Thüringen aufgewachsen. Schon als Kind habe ich die Zeit am liebsten draußen verbracht, die Natur und die Tiere waren mir schon damals sehr wichtig. Unser Familienhund Rex war natürlich immer dabei und quasi mein bester Freund. Nach dem Abi bin ich zurück nach Berlin gegangen, um Jura zu studieren. Dort hat leider weder meine Zeit noch meine Wohnung zugelassen, einen Hund zu haben, was ich immer sehr schade fand. Das änderte sich auch nicht als ich nach dem Referendariat nach München zu Noerr ging, wo ich - von einem kurzen Abstecher zur Staatsanwaltschaft abgesehen - knapp vier Jahre als Anwältin im Wirtschaftsstrafrecht tätig war. Im Sommer des letzten Jahres habe ich entschieden, meinen Job als Anwältin aufzugeben und nach Lappland zu gehen, um hier auf einer Husky-Farm zu arbeiten. Tja, und seit Oktober bin ich also im Norden Finnlands bzw. Schwedens und arbeite mit Schlittenhunden.

Jura gilt vielen als Verlegenheitsstudium. Erfolgte die Entscheidung  für das Studium der Rechtswissenschaften aus echtem Interesse und Leidenschaft oder aus Mangel an in Frage kommenden Alternativen?

Alternativen zu Jura gibt es doch viele, ein so zeit- und arbeitsintensives Studium aus Verlegenheit zu betreiben, erscheint mir als ziemliche Zeitverschwendung. Nein, also bei mir war das schon echtes Interesse, wobei ich zugeben muss, dass dieses nicht Jura allgemein gilt, sondern schon immer dem Strafrecht. Auch wenn man spätestens im ersten Semester von den Professoren zu hören bekommt, dass es gerechte Urteile nicht gibt, so war für mich doch immer mein Ziel, die Wahrheit herauszufinden und ein für alle Seiten möglichst gerechtes Ergebnis zu erreichen.



Du warst bis vor kurzem erfolgreiche Anwältin bei einer renommierten  Großkanzlei. Gerade über die Arbeit in Großkanzleien wird oft gesagt, dass man zum wirtschaftlichen Humankapital verkommt. Wie stellt sich Deine Erfahrung dar?
Ich glaube, ob man zum "wirtschaftlichen Humankapital" wird, hängt sehr von der eigenen Einstellung ab. Natürlich profitiert die Kanzlei von der Arbeit ihrer Anwälte, finanziell wahrscheinlich mehr als diese selbst - trotz der bekanntlich hohen Gehälter. Aber trotzdem liegt es an jedem selbst, zu entscheiden, ob die Arbeit im Büro das Einzige ist, was zählt oder ob es auch noch andere Lebensinhalte gibt. Ich selbst zum Beispiel habe mich nie für so unverzichtbar gehalten, dass ich es eingesehen hätte, rund um die Uhr erreichbar zu sein. So war mein Handy nachts immer ausgeschaltet und im Urlaub habe ich etwa einmal am Tag meine E-Mails gecheckt. Das hat aus meiner Sicht gut funktioniert.

Du hast mittlerweile Deine Tätigkeit als Anwältin aufgegeben und arbeitest nunmehr im nördlichen Finnland auf einer Husky-Farm! Was bewog Dich zu dieser lebensverändernden Entscheidung?

Wie ich schon angedeutet habe, waren Hunde für mich schon immer etwas ganz Besonderes. Gleichzeitig war ich schon als Kind fasziniert von Skandinavien. So entwickelte sich schon vor langer Zeit - noch vor der Entscheidung Jura zu studieren - der Traum, irgendwann einmal in Finnland auf einer Husky-Farm zu leben und zu arbeiten. So richtig realistisch erschien mir das natürlich nicht. Es steht auch gar nicht im Widerspruch zu meinem Interesse am Strafrecht, sondern vielmehr vollkommen unabhängig daneben. Beide Bereiche sind einfach so unterschiedlich, dass man von beiden begeistert sein kann, nur miteinander vereinbaren kann man sie wohl nicht.

Im Dezember 2011 war ich dann das erste Mal in Äkäskero auf einer Hundeschlittentour und so begeistert, dass ich auch die folgenden Jahre immer wiederkam. Zurück ins Büro zu gehen, fiel mir mit der Zeit immer schwerer und so begann ich nach meiner Tour im letzten Jahr, darüber nachzudenken, ob ich es nicht wirklich versuchen sollte, hier zu arbeiten. Natürlich gibt es bei so einer Entscheidung viel Für und Wider, das man abwägen muss, aber als sich mir dann tatsächlich die Möglichkeit geboten hat, in Äkäskero zu arbeiten, war irgendwie klar, dass ich das machen muss. Denn ob man die Chance, seinen Traum zu verwirklichen, noch einmal bekommt, ist schon sehr fraglich.

Was stellte die größte Überwindung für Dich bei dieser Entscheidung dar?
Mal abgesehen davon, dass man seinen Partner, Familie und Freunde eine ganze Zeit lang nicht sieht, war es schon so, dass ich mich gefragt habe, ob ich meinen Job, für den man so lange studiert hat, wirklich aufgeben soll. Es erscheint irgendwie etwas wahnsinnig, einen gut bezahlten, sicheren Job gegen die Ungewissheit wie der Alltag mit den Hunden wirklich ist einzutauschen. Aber die Faszination für die Hunde und das Gefühl, von ihnen etwas zurückzubekommen, haben am Ende gesiegt.
  
Was sind Deine Aufgaben auf der Farm und warum bzw. inwiefern erfüllt Dich diese Aufgabe?
Die Aufgaben auf einer Husky-Farm hängen davon ab, welche konkrete Position man hat. Da gibt es auf der einen Seite die Tour-Guides, die im Herbst ihre Hunde antrainieren, um im Winter dann mit den Gästen auf Tour zu gehen. Es gibt außerdem die Doghandler im Camp, die sich zum Beispiel um die Puppies und die Oldies kümmern, aber auch um die Hunde, die von den Tour-Guides gerade nicht mitgenommen wurden. Dann gibt es natürlich auch noch Kollegen für die tierärztlichen Aufgaben, Motorschlittentouren, handwerkliche Arbeiten usw.


Bei mir war der Plan ursprünglich, Touren zu guiden, weshalb ich im Herbst zunächst damit begonnen habe, einen Kennel (so nennen wir die Gruppen von etwa 40 Hunden, die jeweils einem Guide zugeordnet sind) zu trainieren. Es stellte sich aber dann relativ bald die Frage, wer eigentlich Doghandler beim Rennteam wird. Das Rennteam bestand zu Beginn des Herbsttrainings aus 24 Hunden, die - meist nach einer Saison im Camp - dazu ausgesucht werden, für Langdistanzrennen trainiert zu werden. Dabei unterscheidet sich das eigentliche Training aber kaum vom Training der Tour-Hunde, es ist nur viel intensiver. Während wir beispielsweise bevor es auf die Schlitten ging im Training mit den Tour-Hunden mit Quad etwa 25km gefahren sind, waren es beim Rennteam knapp 100km.Jedenfalls hörte sich das Rennteam für mich auch sehr spannend an, so dass ich Mitte November meinen Kennel im Camp abgegeben habe und seitdem das Rennteam trainiere.

"Wenn man einen Traum hat und die Möglichkeit bekommt, sich diesen zu erfüllen, dann sollte man die Gelegenheit nutzen, wer weiß ob sie sich noch einmal ergibt."

Was dort meine Aufgaben sind? Erst einmal müssen die Hunde jeden Tag gefüttert und die Zwinger geputzt werden. An Trainingstagen steht - seit wir genug Schnee haben - Schlittenfahren auf dem Programm, was bei passendem Wetter durchaus lange Distanzen von über 100km pro Tag und nur kurzen Pausen bedeuten kann. An trainigsfreien Tagen kann man sich noch intensiver um die Hunde kümmern und zum Beispiel Pfoten auf Blessuren kontrollieren und Krallen schneiden. Außerdem muss man regelmäßig die Ausrüstung checken, wie angebissene Leinen tauschen oder Leinen am Schlitten optimieren. Sehr kalte Tage haben wir zuletzt auch dazu genutzt, komplett neue Schlitten zu bauen. Achja, Schneeschaufeln ist auch nicht zu vergessen, davon haben wir mittlerweile reichlich.

Warum mich diese Aufgabe erfüllt? Im Gegensatz zu der Tätigkeit als Anwältin geht es hier nicht ums Geld. Natürlich müssen Gäste nach Äkäskero kommen, sonst könnten wir unsere Hunde nicht mehr versorgen, aber abgesehen davon, geht es einfach darum, mit den Hunden zu arbeiten, sie zu verstehen. Und ich habe das Gefühl, von den Hunden viel mehr zurückzubekommen als dies in meinem alten Job der Fall war. Mit Worten ist das eigentlich kaum zu beschreiben, es ist einfach die Faszination und die Liebe zu den Tieren, die das Arbeiten so besonders macht. 

Vermisst Du manchmal  die (finanziellen) Vorzüge Deines „alten“ Lebens?
Die finanziellen Vorzüge vermisse ich überhaupt nicht, die Hunde geben einem so viel mehr als es alles Geld der Welt je könnte. Aber klar, meinen Partner, Familie und Freunde vermisse ich schon und bin froh, dass es auch in Lappland - meistens - Internet gibt, so dass man jederzeit skypen kann. Am allerschönsten ist es natürlich, Besuch aus der Heimat zu bekommen.


Glaubst Du, dass Deine Entscheidung endgültig war oder besteht die Möglichkeit, dass Du eines Tages doch genug von der klirrenden Kälte Lapplands hast?
Also wenn man die letzten Tage so das Thermometer anschaut mit durchweg unter -30 Grad, dann sollte man sich das mit der Endgültigkeit wohl noch einmal überlegen. Nein, aber im Ernst, von Endgültigkeit zu reden, ist bei diesem Job schwierig, denn erstens handelt es sich um einen Saison-Job (im Sommer braucht es nur wenig Leute, um die Hunde zu versorgen) und zweitens ist es sehr von der eigenen Gesundheit abhängig. Deshalb kann man diese Entscheidung eigentlich nur von Saison zu Saison treffen.

Hast Du einen Ratschlag für Leute, die sich eventuell unsicher sind Ihre Träume in die Realität umzusetzen?
Wenn man einen Traum hat und die Möglichkeit bekommt, sich diesen zu erfüllen, dann sollte man die Gelegenheit nutzen, wer weiß ob sie sich noch einmal ergibt. Skeptische Nachfragen von Kollegen und Freunden sollten einen nicht abschrecken, aber durchaus überlegen lassen, ob das, was man zu tun beabsichtigt, wirklich die Verwirklichung eines Traums ist oder nur die Flucht vor einer kurzfristigen Unzufriedenheit im Alltag. Zweifel, ob man das Richtige tut, sind dabei vollkommen normal, denn oft bricht man mit den gesellschaftlichen Erwartungen, die ja auch das eigene Bild prägen. Aber am Ende zahlt es sich aus.


Und zum Schluss die obligatorische Frage, was denn für Dich der „True Spirit“ ist?
Das ist schwierig in Worte zu fassen, ich denke man könnte es so formulieren: Entscheidungen, die man mit dem Herzen trifft, mögen unkonventionell sein, aber sie machen glücklich.

Wenn ihr Lust auf weitere Eindrücke aus Äkäskero habt, dann schaut gerne auf meinem Blog www.schneegestoeber.com oder auf www.akaskero.com vorbei.

Vielen Dank für dieses spannende Interview und alles Gute für Dich und die Huskys! 

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