Montag, 30. März 2015

Erlebe die Welt mit eigenen Augen - Bernd Wohlgut


Bernd Wohlgut aus Pressath in der Nähe von Weiden in der Oberpfalz reist gerne. Aber nicht wie man denken könnte an den Strand von Ko Samui oder nach New York, sondern in die Krisengebiete der Welt. Afghanistan, Pakistan oder den Sudan hat er bereits erkundet. Er will nicht das glauben, was er in den Medien liest oder sieht, sondern die Welt durch eigene Erfahrungen beurteilen. Seine Reisen hat er danach in Büchern festgehalten. Darüber haben wir mit ihm gesprochen.



Wie entwickelte sich das Bedürfnis, in die Krisengebiete der Welt zu reisen und davon zu berichten?
Eigentlich habe ich in der Glas- und Porzellanbranche als Groß- und Außenhandelskaufmann gearbeitet. Als es mit der Jobsituation in meinem ursprünglichen Beruf immer schlechter aussah, habe ich mich bei den US-Streitkräften in Grafenwöhr beworben und bei der IHK eine Weiterqualifizierung zum Fremdsprachenkorrespondent belegt. Außerdem war ich 28 Jahre bei den Pfadfindern und ich bin sehr interessiert an Geschichte. Bei den Pfadfindern arbeitete ich an einer Geschichtswerkstatt mit Prof. Dr. Eckart Conze mit. Auch ein zweiter Workshop, den ich zum Thema Widerstand im 3. Reich besuchte, verfestigte mein Interesse an Geschichte. Da mich meine Begeisterung nicht mehr losließ, fing ich an geschichtliches Material zu sammeln, aus dem auch mein erster Buch, Jäger und Gejagte entstand. Die Arbeit im Archiv wurde mir aber irgendwann zu langweilig und dann beschloss ich selbst in die Welt hinauszugehen. 

Wie ging es dann weiter? Warum führte Ihre erste Reise, über die Sie geschrieben haben, ausgerechnet nach Afghanistan?
Das Interesse an Afghanistan entwickelte sich zum einen durch meine Arbeit bei den US-Kräften. Andererseits aber auch deshalb, weil ich damals in engem Kontakt mit der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) stand. Ich interviewte damals zu Recherchezwecken für mein zweites Buch die GIZ in Eschborn und irgendwann kam die Sprache darauf, dass die GIZ mich bei einer Reise nach Afghanistan unterstützen würde. Deshalb entschied ich mich im Jahr 2011 für 14 Tage in Kabul. 

Was hat Sie an Afghanistan besonders beeindruckt?
Schon der erste Eindruck war aufregend. Als ich bei meinem Hotel ankam, musste ich durch drei verschiedene Sicherheitsschleusen, bis ich überhaupt die Eingangshalle betreten durfte. Auch der Verkehr ist gewöhnungsbedürftig. Aber ich hatte zum Glück immer einen Fahrdienst an meiner Seite, der sich mit dem System, wie Unfälle vermieden werden können, auskannte. Manchmal kommt es auch vor, das Eselkarren die Straße überqueren. Es ist bemerkenswert, dass es viele Gegebenheiten nicht bis zu uns in die Medien geschafft haben. 

Eingangsschleusse eines Hotels in Kabul
Zum Beispiel?
Die Macht der Warlords ist nicht zu unterschätzen und wird in unseren Medien nicht so zum Ausdruck gebracht, wie sie tatsächlich ist. In Afghanistan gibt es im Straßenverkehr jede Menge Rondelle, die nur in eine bestimmte Richtung befahrbar sind. Einmal hat die Polizei einen Wagen, der von einem Warlord gesteuert wurde, angehalten, weil er in die falsche Richtung fuhr. Ohne dass es jemanden kümmerte, stiegen die Insassen des Wagens aus, schlugen die Polizei zusammen und fuhren weiter. Daraus habe ich gelernt, dass man nicht zwischen die Fronten geraten sollte. 

Hatten Sie Angst?
Angst in dem Sinne nicht, aber man weiß wo man ist. Am Freitag vor meinem Abflug gab es Ausschreitungen wegen der damaligen Koranverbrennungen von Terry Jones und seinen Anhängern. Ich rechnete damals auch mit Ausschreitungen und trug deshalb viel mein Handy bei mir, denn die Evakuierungsaufforderung kommt per SMS. Auch habe ich mich erkundigt, wo sich im Hotel die Schutzräume befinden. Man bereitet sich also vor. 

Ein Jahr später reisten Sie nach Pakistan. Was konnten Sie dort erleben?
Pakistan war nicht so aufregend wie Afghanistan. Auch die Leute dort sind viel relaxter. Auch dort habe ich wieder erfahren, dass die Berichterstattung im Westen zwar nicht falsch, aber auch nicht umfassend ist. Als Beispiel kann ich einen Sturm der Taliban auf ein Gefängnis bei Islamabad nennen. In Deutschland wurde dieser Überfall so verkauft, als wären die Pakistani davon überrascht worden. In Wirklichkeit wusste man, dass dieser Vorfall kommen würde und wollte die Taliban in einen Hinterhalt locken. Doch die Taliban haben das mitbekommen. Das Waffenmaterial, das eigentlich dem Gefängnis zur Verteidigung bereitgestellt werden sollte, blieb schließlich auf einem Zwischenlagerplatz liegen, weil die Taliban die Verantwortlichen bestochen hatten, damit das Material das Gefängnis nie erreicht. Korruption ist dort ein großes Thema. 


Ihre Erfahrungen haben Sie in Büchern verarbeitet. Wie haben Sie das neben Ihrem Job geschafft?
Die Bücher habe ich danach in den Abendstunden geschrieben. Das erste Buch beschreibt die militärische Situation in Afghanistan. Wie ich schon erzählt habe, kontrollieren die Warlords das Land. Präsident Karzai hat in beinahe allen Provinzen Warlords als Gouverneure eingesetzt, nur in der Provinz Bamiyan nicht. Dort regiert eine weibliche Gouverneurin, Habiba Sarabi, und die Provinz zählt seit ihrer Herrschaft zu den sichersten im ganzen Land. 

Haben Sie schon ein neues Buch in Planung?
Ja, es soll um den drohenden Wasserkonflikt am blauen Nil gehen. Dort bahnt sich ein Krieg um Trinkwasser zwischen Ägypten, Äthiopien und Somalia an. Nächstes Jahr möchte ich nach Äthiopien und dem Sudan auch Ägypten besuchen und meine Nil-Tour beenden. 

Welche Reisetipps können Sie uns geben?
Zunächst einmal habe ich nie Feindseligkeit, sondern viel Gastfreundschaft erfahren. Man gesteht uns unsere westliche Kultur durchaus zu, wenn man sich an bestimmte Regeln hält. Als ich in den Sudan gereist bin, hat der Scanner am Flughafen Alarm geschlagen. Man hat mich in ein Kontrollzimmer geführt und als der Polizist meinen Koffer aufgemacht hat, hat er zuerst den Koran gesehen, den ich immer oben auf meine Sachen lege. Danach war er schnell beruhigt und hat meinen Koffer nur noch oberflächlich durchsucht. Den Koran lege ich nachts auch immer auf meinen Nachttisch. Und man darf nicht die Macht des Geldes unterschätzen. Wenn man großzügig mit Trinkgeld umgeht, macht man sich das Leben einfacher. 

Vor der St-Georgs-Felsenkirche Lalibela/Äthiopien


Was sagen Ihre Familie und Freunde zu Ihren mutigen Reisen?
Vor meiner Afghanistan-Reise habe ich meinen Eltern erzählt, dass ich dienstlich nach Kaiserslautern muss. Meine Mutter hat mich sogar einmal dazwischen am Handy angerufen, aber selbst da konnte ich ihr nicht sagen wo ich bin. Sie hätte sich große Sorgen gemacht. Aber mittlerweile haben sie sich daran gewöhnt. Als ich nach Äthiopien gefahren bin, meinten sie: „Was willst du denn da? Dort ist doch überhaupt kein Krieg.“

Was ist für Sie der „true spirit“?
Für mich ist es faszinierend, die Welt so zu sehen und zu erleben wie sie ist, nicht wie sie durch die Medien aufbereitet wird. Die Welt ist doch bei all ihren Problemen ein schöner Ort. 

Herr Wohlgut, haben Sie vielen Dank für das tolle Gespräch und wir wüschen Ihnen alles Gute für Ihre zukünftigen Reisen! 
Weitere Informationen über Bernd Wohlgut, seine Bücher, seine Reisen findet Ihr unter http://www.b-wohlgut.de/


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen