Sonntag, 31. Mai 2015

Elf Jahre (Ein Bericht aus deutschen Konzentrationslagern) - Carl Schrade


Lichtenburg, Esterwegen, Sachsenhausen, Buchenwald, Flossenbürg – elf Jahre seines Lebens verbrachte Carl Schrade (1896 – 1974) in deutschen Konzentrationslagern. Wie durch ein Wunder überlebte er und schrieb seine Erinnerungen nieder. 


„Man hat mir geraten, meine Erinnerungen zu Papier zu bringen, sie in Worte zu fassen und zwar so ausführlich, dass jeder Mensch, der nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Objektivität dürstet, seine eigenen Schlüsse daraus ziehen kann.“

Dieses Zitat Schrades steht auf der Innenseite des Einbands der publizierten Ausgabe seines Manuskripts „Elf Jahre“.  Und sein Ziel hat er erreicht: Seine Aufzeichnungen sind ein erschreckendes Protokoll seiner Zeit in fünf verschiedenen Konzentrationslagern, das einem den Atem stocken lässt und aus dem einen die volle Wucht des Nazi-Terrors entgegen schlägt. Klar – jeder, der sich einmal mit den Schrecken des Naziregimes beschäftigt hat, weiß um die Brutalität und Grausamkeit, die im Dritten Reich herrschte. Schrade aber nimmt kein Blatt vor dem Mund und beschreibt nahezu bildlich und detailreich seine Erlebnisse als KZ-Häftling. Er erzählt sachlich, aber umso mehr wird dem Leser die Hilflosigkeit und das Verderben deutlich, in dem sich die Häftlinge Tag für Tag befanden. 

24. Dezember 1944…Weihnachten. (...) Ein großer und majestätischer Baum, dunkelgrün, kräftig, herablassend, wird auf dem Platz der SS (Anm.: in Flossenbürg) aufgerichtet. An diesem Abend werden ihn zahllose Lämpchen erhellen, deren Glanz auf die kleinen Gesichter der SS-Kinder fällt.  Im vollen Bewusstsein dieser Geste, um diesen großen christlichen Fest noch mehr Glanz zu geben und seinen Sinn zu unterstreichen, hängt die SS am Geburtstag Jesu sechs Gefangene auf. Bevor sie die Plattform unter dem Galgen besteigen, bevor die fatale Schnur um den Hals gelegt wird, erhält jeder dieser sechs Sklaven fünfzig Stockschläge. Sämtliche zwölftausend Gefangene nehmen an diesem Schauspiel teil. Am Ende baumeln die sechs Körper im Leeren, der Schnee fällt noch immer, die grüne Tanne stürzt nicht zu Boden, und nichts kommt aus diesem Himmel, der auf fast feindseliger Weise bedeckt bleibt. Die zwölftausend Männer gehen wieder, Schritt für Schritt, im Schnee. Einige von ihnen leiden, weinen, schluchzen, sterben. Einige von ihnen denken an nichts mehr. Es ist zu Ende.“

Carl Schrade verbüßte bis 1934 mehrere Haftstrafen wegen Hehlerei und Diebstahl. Nach Ablauf seiner Haftzeit wurde er von den Nationalsozialisten zur „Kriminalprävention“ als sogenannter „Berufsverbrecher“ in das KZ Lichtenburg eingewiesen. Schrade erzählt vom alltäglichen Leben und Überleben im KZ, von den täglichen Schikanen, den menschlichen Abgründen und die Todesangst, die die Häftlinge quälte. Offen schreibt er über die qualvollen Tode, die die Inhaftierten sterben mussten und die grausamen Methoden, mit denen sie den Tod erlitten. 

„Doch Schmitz‘ (Anm.: Heinrich Schmitz, Vertragsarzt in Flossenbürg) große Passion, sein großes Laster war zweifellos die Chirurgie. Fünfzehn bis zwanzig Eingriffe gab es jeden Dienstag und Freitag. (…) Er öffnet, schneidet und durchtrennt, näht und bindet zu. (…) Buchstäblich besessen von Geschwüren, durchwühlt der Chirurg mit rasender Lust die Gedärme seiner Opfer. Er weiß, dass drei Viertel seiner Patienten keinen Ulcus haben. Er weiß, dass diese armen Teufel bereits sehr erschöpft und geschwächt sind. Er weiß, dass die Instrumente in seiner Hand nicht völlig steril sind, dass die Luft in dem kleinen Operationssaal schlecht ist, dass die Kranken nach dem Eingriff nicht ordnungsgemäß gepflegt werden können. (…) Ja, er weiß das alles ganz genau und operiert trotzdem.“

Er selbst hatte das „Glück“ in der Verwaltung und später der Krankenstation der Konzentrationslager eingesetzt worden zu sein, denn die Arbeit im Steinbruch bedeutete in den meisten Fällen den Tod. In seiner Position aber konnte er sogar Leben retten: Auf der Krankenstation behandelte er heimlich Verletzte oder Kranke, die der Lagerarzt wegschickte. Er gab den Verwundeten zu essen oder bessere Medizin. 

„Es war mir also nur abends möglich, den Kranken wirkungsvoll zu helfen. Die tuberkulösen und bis auf die Knochen abgemagerten Kameraden bekamen alles, was ich ihnen nur geben konnte: Medikamente und Pflege, die sie brauchten, Kalzium, Glukose und so weiter. Diejenigen, die Magenschmerzen hatten, bekamen neutralisierendes Pulver, Kaolin, präparierte Kreide; wir gaben ihnen Beruhigungsspriten und empfahlen ihnen vor allem, sich von Schmitz fernzuhalten.“

Mit Hilfe des Häftlingsschreibers Milos Kucera versteckte Carl Schrade den damals 15-jährigen Jack Terry in den Tagen vor der Befreiung und gab ihm eine neue Identität. Das rettete Jack Terry das Leben und er wurde zum jüngsten überlebenden Häftling des Konzentrationslagers Flossenbürg. Flossenbürg ist ein kleiner Ort in der nördlichen Oberpfalz mit erheblichem Granitvorkommen. Deshalb wurden dort Steinbrüche errichtet, die in Zeiten des Nationalsozialismus als Arbeitslager dienten. In Flossenbürg war Schrade insgesamt sechs Jahre inhaftiert und erlebte dort auch die Befreiung durch die Alliierten. 

Carl Schrade stand 1945 als Zeuge vor Gericht. Das Manuskript mit seinen Erinnerungen aber blieb bis zu seinem Tod im Jahre 1974 unveröffentlicht. Erst 2010 tauchte es in Frankreich auf und wurde unter dem Titel "Le Vétéran" verlegt, vier Jahre später dann auch in Deutschland.

Mehr zum Konzentrationslager Flossenbürg unter
http://www.gedenkstaette-flossenbuerg.de/

Carl Schrade – Elf Jahre. Ein Bericht aus deutschen Konzentrationslagern
Wallstein Verlag, ISBN 978 – 3 – 8353 – 1398 - 9

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