Montag, 31. August 2015

Projekt Armut - Jana Merkens

Die Bonner Künstlerin Jana Merkens hat sich mit Menschen auseinandergesetzt, die durch Obdachlosigkeit und Hartz IV mit Armut konfrontiert sind. Ihr Projekt, das im Rahmen der universitären Ausbildung entstanden ist, macht deutlich, dass jeder auf der gesellschaftlichen Leiter bis auf die unterste Sprosse abrutschen kann.


Kannst du das Projekt Armut in wenigen Sätzen vorstellen?
Das Projekt Armut, eigentlich ein Uni-Projekt, setzt sich aus zwei Reihen zusammen, nämlich der Werk-Reihe „Obdachlos“ und der Werk Reihe „Die Gesichter von Hartz IV“. Die Werk-Reihe „Obdachlos“ umfasst sieben realistische Figuren von Obdachlosen, die die jeweiligen Problematiken, wie die Alkohol- oder Drogensucht, verdeutlichen sollen. Die Hartz IV-Reihe besteht aus drei verschiedenen Wohnzimmern von Hartz-IV-Empfängern, die teils fiktiv, teils realitätsnah, unterschiedliche Lebensgeschichten erzählen.


Wie kamst du darauf, Obdachlose in dieser Art und Weise zu porträtieren?
Während meines Studiums in San Francisco kam ich hautnah mit dem Thema „Obdachlosigkeit“ in Berührung. In San Francisco leben ca. 20. – 30.000 Menschen auf der Straße. Am Anfang habe ich den Bettlern am Straßenrand oft Geld gegeben, aber schnell merkte ich, dass es ein Fass ohne Boden ist, denn gibt man dem Einen, muss man auch dem Anderen und dem Übernächsten geben. Ich habe auch viel Gewalt gesehen. Einmal habe ich gesehen, wie jemand nur wenige Meter entfernt, auf der Straße erstochen wurde. Auch ich selbst wurde überfallen und ausgeraubt. Als wir dann in der Uni den Auftrag bekamen uns mit dem Thema „Gefangenschaft“ auseinanderzusetzen, dachte ich sofort an meine Erfahrungen mit der Obdachlosigkeit, da Obdachlose in einer bestimmten Art und Weise ja auch auf der Straße gefangen sind. 


Wie bist du dann weiter vorgegangen?
Ich wollte sehen wie das Leben als Obdachloser in Deutschland tatsächlich ist. Deshalb habe ich selbst auf der Straße gelebt und eng mit einem Obdachlosen zusammengearbeitet, der sogar durch meine Hilfe wieder auf die Beine kommen konnte. Ich habe verschiedene Faktoren, die die Obdachlosigkeit prägen, recherchiert und in den verschiedenen Figuren meiner Projektreihe festgehalten.

Und welche verschiedenen Figuren sind dabei entstanden?
Ich habe sieben realistische Figuren von Obdachlosen geschaffen, die die jeweiligen Problematiken verdeutlichen. Dazu gehören Kälte, Alkohol- und Drogensucht, die Bettel-Mafia, Raub-Überfälle und Schutzlosigkeit. Am meisten beschäftigt hat mich aber die Geschichte von Mike. 
Mike
Wer war Mike? Was ist mit ihm passiert?
Während ich in San Francisco gewohnt habe, bin ich hin und wieder mal mit meinem erblindeten, hilfsbedürftigen Nachbarn Bill zur Tafel gegangen. Dort habe ich Mike kennengelernt. Auf Mike bin ich aufmerksam geworden, weil ihm das linke Bein fehlte und er unbeholfen mit seiner Gehhilfe durch den Speisesaal hinkte. Ungewöhnlich für einen Obdachlosen erschien mir seine Kleidung. Er trug einen teuren Anzug, der allerdings von oben bis unten löchrig und verdreckt war. Ich bin mit ihm ins Gespräch gekommen und er berichtete mir von seinem Schicksal. Mike war einst Banker bei der Citi-Bank in einer kleineren Stadt im Süden Kaliforniens. Er war wohlhabend, hatte ein Haus, zwei Autos, einen Pool im Garten und lebte mit seiner Frau und zwei Kindern ein glückliches Leben. Durch eine Finanzkrise hat er vor einigen Jahren ziemlich plötzlich und unerwartet seinen Job verloren. Er hatte zwar einige Rücklagen, diese waren aber nach ca. einem Jahr aufgebraucht, vor Allem, weil weder er, noch seine Frau ihren Lebensstandard an die neue, knappe finanzielle Lage anpassen wollten. Dinge wie Autos, Fernseher und Haus waren zudem, wie es in Amerika üblich ist, noch nicht abbezahlt und wurden daher nach einigen Monaten gepfändet. Zur Krönung der Miesere hat Mike dann auch noch eine heftige Entzündung im Bein bekommen, die sehr schmerzhaft war und ihn körperlich außer Gefecht gesetzt hat. Ungünstig war vor allem, dass er keine Krankenversicherung mehr hatte, da diese bisher über seinen Job lief. Da er bereits seine Ersparnisse ausgegeben hatte und Arztbesuche in Amerika sehr teuer sind, verzichtete er auf einen Arztbesuch. Die unbehandelte Entzündung in seinem Bein wurde immer schlimmer. Seine Frau konnte mit der Situation nicht umgehen und hat ihn kurze Zeit später verlassen. Die Kinder nahm sie mit. Aus Scham und vor lauter Verzweiflung hat Mike sich von seinen Freunden und seiner Familie distanziert und ist nach San Francisco getrampt. Dort hat sich ein Obdachlosen-Arzt um ihn gekümmert, die Entzündung im Bein war allerdings so weit fortgeschritten, dass man nichts mehr machen konnte, außer es zu amputieren. Seit her sitzt Mike auf der Straße, seinen Anzug trägt er noch heute aus Stolz und Erinnerung an sein einst schönes Leben. Ich habe über einige Ecken und Kanten die Möglichkeit bekommen, 3 Jahre nach dem ich Mike kennengelernt habe, mit ihm zu telefonierten. Er sagt von sich aus, dass er auf ein Wunder wartet und Gott ihn sicherlich bald aus der Lage rausholen wird. Ich selbst war ein wenig über diese doch recht naive Einstellung verwundert. Mike ist in meinen Augen ein recht gebildeter Mensch. Er drückt sich sehr gewählt aus und ist im Vergleich zu den anderen Obdachlosen sehr klar im Kopf, da er weder trinkt, noch Drogen nimmt. Die Begegnung mit ihm war eine ganz Besondere, seine Geschichte hat mich sehr berührt und ich finde es bewundernswert, dass er sich noch nicht aufgegeben hat. Dennoch hat Mike auf mich einen sehr traurigen Eindruck gemacht. Er hatte immer wieder Tränen in den Augen, war sehr nachdenklich und sichtlich bedrückt. Das Bild was ich von ihm hatte, habe ich in einer Plastik, die ich von ihm und seiner Geschichte angefertigt habe, festgehalten.

Und was hat es mit den Wohnzimmern auf sich?
Mit den Wohnzimmern wollte ich zeigen, dass unsere Klischees von Hartz IV-Empfängern, die RTL & Co bei uns schüren, nicht richtig sind. Dafür habe ich ein typisches Wohnzimmer erarbeitet, das aussieht, wie wir uns das das in unseren medienbeeinflussten Köpfen vorstellen und zwei, die diesem Klischee nicht entsprechen und an wahren Begebenheiten anlehnen. Ich habe neben vielen Umfragen in sozialen Netzwerken, sowie Gesprächen mit dem Arbeitsamt auch einige Familien besucht und interviewt, die Hartz IV beziehen. Fast keine der Familien hat das Klischee vollkommen erfüllt. Meine erste Arbeit aus der Reihe „DIE GESICHTER VON HARTZ IV“ zeigt das Wohnzimmer einer absoluten “Klischee – Hartz IV – Familie“. Karikative Charaktere verkörpern durch Aussehen, Blick, Körperhaltung und Kleidung das, was wir von ihnen unbewusst erwarten.


Das zweite Wohnzimmer zeigt eine Schattenseite von einem Leben mit Hartz IV, nämlich Werner, den Flaschensammler. Werner sitzt gelangweilt in seinem spartanisch eingerichteten und verwahrlosten 1-Zimmer Apartment. Sein Blick ist leer, verschlafen, missmutig und trotzdem ist er irgendwie niedlich. Seine grünen Augen, die dicke Nase, der viel zu große Kopf und auch die Tatsache, dass er gerade mal ca. 50 cm misst, lassen ihn zu einer puppenartigen Karikatur werden, die uns dazu verhilft, den grausigen Zustand seiner Wohnung zu ertragen, oder der Kulisse sogar mit einem Lächeln zu begegnen. Doch was hier modellhaft dargestellt ist, ist in einigen Haushalten von Langzeitarbeitslosen traurige Wahrheit. Der monatliche Hartz IV- Zuschuss reicht gerade eben aus, um Lebensmittel zu kaufen, aber die immer schlimmer werdende Sucht nach Alkohol und Zigaretten kann unter Umständen von den Betroffenen nicht mehr finanziert werden. Die Folge, sie gehen wie ca. 300.000 andere Deutsche, die an der Armutsgrenze leben, Pfandflaschen sammeln. Sicherlich nicht der schönste Job, doch ein durchaus lukrativer und vor Allem legaler Nebenverdienst.


Das dritte Zimmer zeigt die Zwangsräumung. Man steht voll und ganz im Leben, hat einen lukrativen Job und plötzlich trifft einen unerwartet der Schlag. So passierte es auch einer Kundin des Job-Centers, mit der ich mich längere Zeit unterhielt. Frau S. hat BWL studiert und war in ihrem Beruf viele Jahre sehr erfolgreich. Durch einen für sie nicht absehbaren Stellenabbau verlor sie plötzlich ihren Job. Natürlich hatte sie Erspartes, doch das war nach kurzer Zeit aufgrund laufender Kosten, die sie begleichen musste, aufgebraucht. Voller Verzweiflung und geplagt von Depressionen verlor Frau S. ihren Lebensmut und war nicht mehr in der Lage alltägliche Aufgaben zu bewältigen. Wenige Monate, nachdem sie ihre Miete nicht mehr zahlen konnte, drohte ihr die Zwangsräumung. In unserem Gespräch erzählte sie mir, dass das Leben vom Tag der Kündigung, bis zum Auszug aus ihrer Wohnung, komplett an ihr vorbei „rauschte“. Mit diesem Zimmer möchte ich die Botschaft verbreiten, dass es jeden treffen kann. 


Was wolltest du mit den Wohnzimmern zeigen?
Auch wenn man keines der drei Beispiele verallgemeinern kann, ist es mir ein sehr großes Anliegen zu verdeutlichen, dass die Realität anders aussieht, als das Vorurteil-behaftete, klassische Klischee, was in den Köpfen unserer Gesellschaft zum Teil fest verankert ist.

Ich möchte mit diesen Arbeiten zum Nachdenken anregen, aber auch das Schubladen-Denken unserer Gesellschaft kritisieren. Die meisten Hartz IV-Empfänger, die ich im Rahmen dieses Projektes zuhause besuchen durfte, haben eine saubere Wohnung, sind weder Alkohol-, oder Drogenabhängig, noch sitzen sie den ganzen Tag vor dem Fernseher. Dass das Amt jeden Antrag sofort genehmigt, ist ebenfalls ein Klischee- behafteter Irr-Glaube. Der monatliche Regelsatz von 399 € reicht gerade eben aus, um das Notwendigste abzudecken und ich möchte betonen, dass Jeder Hartz IV-Empfänger, mit dem ich gesprochen habe, wieder in der Arbeitswelt Fuß fassen wollte! Es gibt sicherlich in unserem System einige Mängel, die ich an dieser Stelle nicht be-, bzw. Verurteilen möchte, Allerdings wurde mir während meiner Hospitation im Job-Center klar, dass es sehr auf den jeweiligen Sachbearbeiter ankommt und nicht alle Regeln einen Sinn ergeben.

Mit welchen Materialen hast du gearbeitet?
Ich arbeite mit Modellierton, der weich und ölig ist und nicht gebrannt werden muss.

Wieviel Zeitaufwand steckt in einer Skulptur?
Das kann man pauschal nicht sagen, aber durchschnittlich zwei bis drei Wochen habe ich schon an einer Plastik selbst, ohne Kulisse, gearbeitet.

Wo kann man deine Kunstwerke zur Zeit sehen?
Die Skulpturen touren gerade durch Deutschland. Termine sind auf meiner Seite unter www.jana-kunst.de zu finden.

An was arbeitest du gerade?
Das kann ich noch nicht verraten, nur so viel: Es bewegt sich im Bereich Hyperrealismus. Ich arbeite mit Silikonen, wie man es aus dem Wachsfigurenkabinett kennt.

Was ist für dich der „True Spirit“?
Leider habe ich den Begriff noch nie gehört und kann auch nichts damit anfangen.
 
Liebe Jana, auch wenn Dir der Begriff nichts sagt, so besitzt Du den "True Spirit" zweifellos! Habe vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für Deine zukünftigen Projekte!

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen