Montag, 16. Mai 2016

Freedive your life - Timo Niessner


Raus aus dem Alltag, die Verbindung zu sich selbst und zur Natur wiederherstellen.
Freedivingcoach Timo Niessner erzählt uns im Interview, warum es so wichtig ist einfach mal abzutauchen.

Lieber Timo, kannst Du Dich in wenigen Worten vorstellen?
Geboren in Sindelfingen bei Stuttgart und aufgewachsen in Böblingen als Mercedes-Kind. Durch die Enge der Stadt hat es mich schon früh in die Ferne gezogen. Mit 16-Jahren wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass das was ich hatte, nicht alles sein kann. Mir fehlte irgendwie der Raum zum Atmen. Nun bin ich 31-Jahre alt und lebe in dem kleinen Holzgerlingen, nicht weit von Familie und Freunden, mitten in der Natur. Hier habe ich meine Basis mit kleinem Büro, Garten und der Möglichkeit jeden Tag mit einer Runde im Wald zu starten. Durch mein Studium der Sportökonomie und meine selbständige Tätigkeit als Eventmanager bin ich schon früh in den Bereich Fahrveranstaltungen gerutscht. In den letzten Jahren war ich dann für diverse Driving-Experience und Roadshows in leitender Position verantwortlich. Mein Einsatzgebiet erstreckte sich über komplett Osteuropa und Österreich. Nach einer sehr intensiven Zeit entschloss ich mich dazu, nur noch kleine Formate zu betreuen. Nach ein paar Weiterbildungen setze ich nun meine gewonnenen Erfahrungen als systemischer Coach in Einzelsitzungen, Vorträgen, Workshops und der Lehre ein. Eine Aufgabe, die mich Tag für Tag erfüllt und antreibt.

Wie bist Du zum Freediven gekommen?
Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Irgendwie kam es zu mir und hat sich wie ein Samen auf einen anfangs nicht sehr fruchtbaren Boden nieder gelassen. 


Im Studium habe ich eine Kommilitonin kennen gelernt die Freediverin war. Damals dachte ich mir nur „Die spinnt doch! Was ist denn daran toll?!“. Dazu muss man sagen, dass ich mir mit 18-Jahren meinen Kindheitstraum erfüllt habe und nach Australien geflogen bin, um in Cairns meinen Tauchschein zu machen. Das war aber mit Flasche auf dem Rücken. Ab diesem Zeitpunkt habe ich dann in Indien, Honduras und Spanien als Dive-Guide gearbeitet und Kunden durch die dortige Unterwasserwelt geführt. Warum also Luft anhalten und nur „kurz“ unter Wasser sein, da sieht man doch nichts - dachte ich damals. Nach dem Studium, einem Jahr Arbeit als Tauchlehrer in Spanien und Thailand und der Erkenntnis, dass das Tauchen echt Spaß macht, kam ich an den Punkt an dem ich einfach mehr mit meinem Körper machen wollte. Ich wollte mich auspowern ohne dabei immer auf Geräte und Schläuche angewiesen zu sein.  Tauchen ohne blubbernde Blasen um einen herum, sperriger Flasche auf dem Rücken oder der Gefahr einer Dekompressionskrankheit (bekannt als Tauchkrankheit) ausgesetzt zu sein. Abtauchen, genießen - einfach sein! Einfach frei sein!
Der Entschluss war schnell gefasst, ich werde „Freediving-Instructor“.
In einer Pause zwischen zwei Events flog ich dann nach Ägypten und absolvierte die ersten zwei Scheine der Freediving-Ausbildung. Am Ende des Jahres ließ ich schließlich Osteuropa und die Events hinter mir, mietete eine große Wohnung für mich und meine Freunde, die mich auf all meinen Reisen besuchen gekommen sind und schloss meine Ausbildung zum Instructor ab. Seitdem lebe ich diesen Sport, seine Philosophie und Lifestyle.


Du hast schon ein bisschen angerissen was der Unterschied zwischen dem klassischen Tauchen und dem Freediven ist. Kannst Du das noch genauer beschreiben?
Freediven kann man sich wie Schnorcheln vorstellen. Maske und Schnorchel auf, Flossen an und ab ins Wasser. Je länger man die Luft anhalten und in der Tiefe den Umgebungsdruck ausgleichen kann, desto länger kann man auch unter Wasser bleiben. Der Unterschied ist jedoch, dass man beim Freediven nicht nur darauf bedacht ist was man sieht, sondern dass man sich intensiv  damit beschäftigt was während des Tauchens mit einem körperlich und geistig passiert. Die Freediving-Ikone Natalia Molchanova hat das folgendermaßen ausgedrückt:

"Freediving is not only sport,
it's a way to understand who we are!"

Beim Freediven, sei es im Pool (Distanz) oder im Freiwasser (Tiefe), geht es darum an persönliche Grenzen zu stoßen. Während der eine die Luft vier Minuten anzuhalten vermag und es schafft bis auf fünfzig Meter abzutauchen, schafft ein anderer vielleicht nur fünfzehn Meter und ist dabei eine Minute unter Wasser. Grundsätzlich kann fast jeder gesunde Mensch vier Minuten die Luft anhalten und bis zu vierzig Meter in die Tiefe tauchen.  Was uns davon abhält dies zu tun, sind also weniger die körperlichen Grenzen, als unser Kopf, der den Körper zum Aufhören auffordert.


Was fasziniert dich am Freediven?
Die Grenzerfahrung und die anschließende Auseinandersetzung mit sich selbst. Wer nicht anfängt sich mit sich selbst zu beschäftigen, stößt schnell an seine Grenzen und kommt nicht weiter. Es geht um das Zusammenspiel zwischen dem, was wir denken und dem, was wir fühlen. Ergibt sich eine Einheit kann man loslassen, sich entspannen und anfangen zu vertrauen. Dabei vertraut man in erster Linie sich selbst und dann seiner Umwelt. In solchen Momenten ist man eins mit sich, dem Wasser und der Umgebung. Man taucht sozusagen in sich und den Moment ein.
Zusätzlich gibt es natürliche Reflexe unseres Körpers, die in Kontakt mit Wasser aktiviert werden. Dazu gehört ein verlangsamter Pulsschlag sobald unser Gesicht in Kontakt mit Wasser kommt. Dieser und andere Reflexe können eine tiefe Entspannung auslösen, wenn wir es zulassen. Die Verbindung all dieser Effekte gibt mir die Möglichkeit abzuschalten, eins zu sein, in eine andere Welt abzutauchen und die Zeit unter Wasser voll zu genießen.


Freediven beinhaltet eine Art meditativen Aspekt. Kannst du das näher beschreiben?
Beim Freediven begeben wir uns in eine andere Welt. Eine Welt, die uns oft fremd und gefährlich erscheint, in Wirklichkeit aber sehr vertraut ist. Wir haben es nur verlernt mit dieser Welt in Kontakt zu treten und letztlich haben wir alle im Mutterleib neun Monate in einem vergleichbaren Umfeld verbracht. Die erneute Konfrontation mit dieser Umgebung zeigt oft Blockaden und emotionale Schwierigkeiten auf, die sich von (vor) der Geburt bis heute in uns entwickelt haben. Wie man schließlich mit diesen Momenten umgeht, bleibt jedem selbst überlassen. Es gibt Menschen, die solche Momente mit sich selbst ausmachen, andere nutzen Yoga, Meditation oder Coachings, um für sich den nächsten Schritt zu gehen.
Eines ist jedoch bei allen gleich: Freediving ändert und schärft die Wahrnehmung für Körper, Geist und unsere Umwelt.


In diesem Zusammenhang fällt mir das Stichwort „LifeCoaching“ ein. Was hat es damit auf sich? Warum besteht  bei vielen Menschen heutzutage das Bedürfnis sich selbst zu finden und wieder im Einklang mit sich selbst zu sein? Wie kann das Freediven hierbei helfen?
Wie eben schon etwas erläutert kann Freediving dazu beitragen wieder in eine bessere Verbindung mit sich selbst zu treten. Was sind das für Dinge die uns im Alltag, Job oder beim Sport beschäftigen? Warum kann ich vom Job nicht abschalten oder warum rege ich mich beim Autofahren immer so auf? Schärfe ich meine Selbstwahrnehmung und sehe was in mir passiert, habe ich die Möglichkeit auf solche Prozesse früher einzuwirken und gebe mir die Freiheit, wie ich damit umgehen möchte, bevor ich in eine starke Emotion verfalle. Freediving kann einen solchen Prozess unterstützen und uns helfen sensibler für die Prozesse in uns und für unsere Umgebung zu sein.

Wir leben in einer immer schneller werdenden Welt, in der eine Vielzahl an Reizen auf uns einprasselt. Diese Reize verarbeiten wir sowohl bewusst als auch unterbewusst. Unser Bewusstsein beschäftigt sich dabei eher mit Logik, Aufgaben und Zielen. Man spricht auch von der Sachebene, die sowohl in der Wahrnehmung als auch in der Verarbeitung von Reizen etwas träge ist. Unser Unterbewusstsein setzt sich hingegen auf Beziehungsebene mit Emotionen, Vertrauen, Erwartungen und Wünschen auseinander. Diese Ebene arbeitet sehr schnell und nimmt im Vergleich zu unserem Bewusstsein ein Vielfaches mehr an Reizen war. Oft beziehen wir uns jedoch in unserem Leben hauptsächlich auf unser Bewusstsein. Dabei treffen wir Entscheidungen, die der Sachlichkeit oder der Logik unterliegen und vernachlässigen dabei unser Unterbewusstsein.  Jeder kennt das Gefühl eine rationale Entscheidung getroffen zu haben, aber dabei kein gutes Bauchgefühl zu haben. Wir sind einer Reizüberflutung ausgesetzt und haben gleichzeitig die Möglichkeit nahezu alles machen zu können. Ironischerweise verursacht genau das eine Unzufriedenheit in vielen Menschen. Denn sie stehen oft nicht mehr in Verbindung mit sich selbst. Hier sehe ich das Bedürfnis vieler Menschen sich zu erden und sich bewusst zu machen, was ihnen im Leben wirklich wichtig ist.


Kann das eigentlich jeder oder bedarf es da spezieller körperlicher Voraussetzungen? Wie kann man das trainieren?
Eigentlich kann das jeder. Für einen Kurs im Wasser ist es aber ratsam sich ein Attest zur Tauchtauglichkeit ausstellen zu lassen. Dabei werden die Ohren, Nasennebenhöhlen, Lunge und das HKS gecheckt, damit Risiken ausgeschlossen werden können.

Das Training beginnt trocken. Trocken heißt in diesem Fall mit Theorie, die ist dann nicht ganz so trocken wie man sich das denkt. Dabei werden Inhalte vermittelt, die nicht nur für das Verständnis des Sports, sondern auch für die eigene Sicherheit essentiell sind. Dabei rate ich jedem davon ab, sich eine Ausrüstung zu kaufen und in den nächsten See zu springen oder mal den Kopf ins Wasser zu stecken und die Luft anzuhalten. Die erste Regel ist, niemals alleine Freediven zu gehen. Am besten man meldet sich zu einem Einsteiger-Kurs an und lernt dort die Grundlagen.

Wie kann man sich die Kurse, die Du anbietest vorstellen?
Als Freediving-Instructor der Organisation AIDA biete ich auf Nachfrage Kurse für Einsteiger bis Fortgeschrittene sowie zusätzliche MentalCoachings für Athleten an.
Hauptsächlich konzipiere ich jedoch Kurse, die auf das individuelle Niveau und den Anspruch meiner Kunden angepasst sind, da jeder Teilnehmer anders ist und eigene Vorstellungen und Grundlagen mitbringt.
 
Bestehen eigentlich Risiken?
Es gibt wie bei anderen Sportarten bestimmte Regeln an die man sich halten sollte. Missachtet man diese steigt das Risiko von Verletzungen. Grundsätzlich würde ich aber nicht sagen, dass Freediving mehr Risiken birgt als andere Outdoor-Sportarten.

Arbeit + Privatleben = 1 Leben! Eine Aussage Deiner Homepage. Wie ist das zu verstehen?  Wie ist es Deiner Meinung nach möglich, diese beiden Dinge in diese Gleichung zu bringen?
Wie viele Leben haben wir denn? Haben wir Probleme in der Arbeit, beeinflussen sie uns auch im Privatleben und anders herum. Es wird oft von Work-Life-Balance gesprochen. Welche „Balance“ frage ich mich da? Mache ich das in meinem Leben was ich gerne mache, wozu brauche ich dann eine Balance? Betrachten wir immer nur einen Ausschnitt unseres Lebens, werden wir uns auch weiterhin mit der Frage nach einer Balance beschäftigen müssen. Nehmen wir uns aber einmal die Zeit und schauen uns unser Leben als Gesamtheit an, in der jeder Teil einen anderen Teil beeinflusst, werden wir schnell sehen, ob die Balance nach der wir streben vielleicht doch nur ein Dreieck ist welches wir trotz Drehen und Wenden nicht durch den Kreis schieben können.Treten wir jedoch ein paar Schritte zurück, sehen wir womöglich neue Möglichkeiten die besser passen. Das setzt aber voraus, dass man anfängt sich mit sich selbst zu beschäftigen, Dinge hinterfragt und bereit ist seine gemütliche Komfortzone zu verlassen.


Welche Träume treiben Dich an?
Menschen dabei unterstützen sie selbst zu sein, ihr eigenes Potenzial zu erkennen und es zu nutzen.

Wo kann man mehr über Dich erfahren?
Unter www.freedive-your-life.com  findet man alle notwendigen Informationen und kann mit mir Kontakt aufnehmen. Ich biete dort auch Trips nach Mallorca, Ägypten und in Deutschland an, um sich neu zu erfahren und das Freediving live zu erleben.

Was für Tipps kannst Du Leuten geben, die jetzt Neugierig geworden sind und das Freediven ausprobieren wollen?
Freediving ist ein Sport für jeden, der bereit ist Neues zu entdecken.
Um einen guten Start in den Sport zu bekommen, sollte man unbedingt mit einem Einsteigerkurs anfangen. Sei es im Hallenbad, den heimischen Seen oder im Roten Meer, ein kompetenter Lehrer wird euch die Grundlagen vermitteln, die ihr benötigt um das Besondere an diesem Sport erleben zu können.

Was ist für Dich der True Spirit?
Entdecke dich selbst immer wieder neu, sei offen und tue das, wofür du brennst.

In diesem Sinne vielen Dank für dieses tolle Interview und die fantastischen Einblicke in Deine (Unterwasser-)Welt! True Spirit - No Limit!

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