Sonntag, 10. Juli 2016

Kunst aus Stein und Holz - HWP Diedenhofen

Im heutigen Interview entführt uns der Künstler Peter Diedenhofen in die Welt der Bildhauerei und erläutert, dass die kreative Kunst des Schaffens in jedem von uns steckt.



Lieber Peter, kannst Du Deinen Werdegang kurz umreißen?
Ich bin in Stuttgart geboren und aufgewachsen. Nach meinem Studium der Kunsttherapie und Bildhauerei in Ottersberg/ Bremen führte mich mein Weg über verschiedenste Stationen wieder nach Süddeutschland. Seit bald 30 Jahren arbeite ich freischaffend und habe neben meiner eigenen künstlerischen Entwicklung an der Kunstschule Filderstadt, der Ev. Akademie Bad Boll und anderen Institutionen das dreidimensionale Gestalten im Kinder-und Erwachsenenbereich aufgebaut. Meine Jahre als alleinerziehender Vater haben mich nicht hindern können mehrere Ateliers und schlussendlich die eigene Bildhauerschule aufzubauen. Ich hoffe, dass ich mit meiner Frau in Neckartenzlingen endlich den Platz gefunden habe, an dem wir uns noch viele Jahre in unserer Arbeit begleiten können.






Wie bist Du zur Bildhauerei gekommen?
Auf meinen unerlaubten Streifzügen durch den Stuttgarter Westen der frühen Sechziger Jahr gab es für mich viel zu entdecken. Es gab noch Ruinengrundstücke, frische Sahne im Waffelbecher vom Milchladen gegenüber  und die Bundesgartenschau in Baden-Württemberg war frisch erfunden. Die Städte begannen wieder in öffentliche Kunst zu investieren. Ich sah eine Liegende von Henry Moore, deren Kopf zu klein schien, wie meine Mutter meinte. Ich fand das interessant und auch das Material Bronze kannte ich nicht! Im Schlossgarten faszinierte mich die Nirosta Skulptur "Bewegung" von Wander Bertoni, sie schwang leicht und hatte einen tollen Klang. Im Beisein meiner Mutter war das Besteigen natürlich nicht erlaubt. Umso mehr begeisterte mich eine Kalkstein-Skulptur von O.H. Hajek im Westen, die ich bei einem Streifzug besteigen und überall begreifen konnte. Hier sind die Wurzel für meine tiefe Verbundenheit mit der Bildhauerei.
Es sollten dann noch viele Jahre vergehen, bis ich tatsächlich meinen ersten unmittelbaren und schöpfenden Kontakt mit der Skulptur hatte. Dieser  war so beeindruckend, weil sich mir die Sprache der Bildhauerei völlig unvermittelt erschloss.



Was ist Bildhauerei eigentlich, wie würdest Du Bildhauerei beschreiben?
Ich muss vorausschicken, dass die Bildhauerei aus verschiedenen Zweigen besteht. Ihnen gemeinsam ist die Tatsache, dass alle sich im dreidimensionalen Raum bewegen und die Art und Weise Ihn zu ergreifen. Immer wird ein Körper im Raum erzeugt, der mit einer Umgebung interagiert. Das kann heute auch der eingesammelte und im Museum zur Betrachtung neu arrangierte Sperrmüll oder auch eine Schmetterlingsvoliere sein. Diese Abteilung überlasse ich gerne den Installateuren, die sammeln und neu arrangieren in der Faszination des Alltäglichen.
Mich fasziniert nach wie vor die unermessliche Vielfalt von neu zu schöpfenden Raumkörpern und der Prozess, um die notwendige innere Leere für die Einfälle zu schaffen. Der Rest ist Handwerk und natürlich auch Talent, so, wie jeder Klavierspielen lernen kann, aber nicht jeder Konzertpianist wird. 


Wolltest Du schon immer ein Künstler werden oder gab es auch andere Berufswünsche?
Ich habe nie daran gedacht Künstler zu werden. Eigentlich war es immer mein Forschungs- und Entdeckungsdrang in Kombination mit einer ungehörigen Portion Nonkonformismus, die mich bewegten. Wissenschaftler in der Forschung, Biotechnologe und Genetiker hätte es auch sein können, ebenso wie die Schauspielerei. Aber mit diesen Kindheitserlebnissen im Gepäck musste es zwangsläufig bei der Bildhauerei enden.


Ein weit verbreiteter Spruch hinsichtlich der Bildhauerei lautet, dass das Kunstwerk bereits im Material steckt und der Künstler nur alles Überflüssige entfernen müsste? Dieser Ausspruch ist nur ein dummer Witz für Menschen, die kein Verständnis für diese Materie haben. Die Bildhauerei ist eine äußerst komplexe Tätigkeit für die unser Gehirn Höchstleistung vollbringen muss. Denken wir mal an 3D-Drucker, was für ein umfassendes Programm und welche Rechenleitung gebraucht werden und dabei ist das Ergebnis nur eine Nachbildung. Um etwas Figürliches wie einen Pinguin zu machen brauche ich ein paar gute Abbildungen, die das typisch Pinguinische verdeutlichen. Das zu erkennen ist schon einmal die erste Hürde, die zweite den Händen zusagen wie sie zu arbeiten haben und drittens dem Kommentator im Kopf des Machers den Mund zu verbieten. Ein Roboter würde aus den Abbildungen einen dreidimensionale Karte anfertigen und dann ganz sicher nicht mit dem großen Zeh anfangen.
Auch auf abstrakte Formen trifft der Spruch nicht zu, da diese im und aus dem Prozess des dialogischen Gestaltens entstehen. Das abstrakte Arbeiten ist das schöpferisch anspruchsvollste überhaupt und um eine einfache Form entstehen zulassen, ist die Reduktion auf das Wesentliche erforderlich.





Ist die Bildhauerei eigentlich Kunst oder Handwerk?
Ich meine, die Voraussetzung für jede außergewöhnliche Leistung ist die Beherrschung des Handwerks. Erst wenn die Ballerina jeden Tag über viele Jahren mit Ihrem Körper arbeitet, der Musiker mit seinem Instrument verschmilzt, dann wird es erkennbar Kunst. Die Ästhetik wird in der Ausdrücklichkeit erkennbar, weil Übereinstimmungen zwischen innerem Eindruck und äußerem Ausdruck entstehen.

Du betreibst schon seit vielen Jahren erfolgreich die Bildhauerschule in Reutlingen und ziehst nun nach Neckartenzlingen um. Was erwartet Künstler und solche die es werde wollen dort?
Unsere Besucher können sich in unmittelbarer Nähe des Neckars eine große Portion Gestaltungskraft in Kombination mit bester Ausstattung abholen und sich auf eine Reise zu ungeahnten Ufer Ihrer Fähigkeiten aufmachen.


Welche Ratschläge würdest Du einem Nachwuchskünstler geben?
Es waren schon einige Nachwuchskünstler bei mir. Die wichtigste Botschaft ist meiner Ansicht nach sich die Wahrhaftigkeit und Eigenständigkeit zu bewahren. Wer Kunst macht hat in der Regel lebenslänglich bekommen, darum sollte man sich auch zur nötigen Hingabe entschließen. Da das Leben aber nicht nur aus Kunst besteht, ist man immer wieder damit  beschäftigt der Kunst Raum zu schaffen.



Was ist für Dich der True Spirit?
Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch seine Bestimmung und Funktion auf dieser Welt hat. Wie Shakespeare bei der Göttlichen Komödie formulierte "wir sind alle nur Darsteller auf der Bühne des Lebens". Je eher ich erkenne, was meine Rolle ist, umso besser kann ich sie erfüllen und ausfüllen. So wie ich die Fragen dieses Interviews beantwortet habe, kannst du sicher sein, dass meine Erfüllung die Bildhauerei ist und meine Aufgabe, vielen Menschen etwas von dieser wunderbaren Möglichkeit, der Welt zu begegnen und eigenhändig zu begreifen, zu vermitteln.



Lieber Peter, vielen Dank für das spannende Interview und den Einblick in Deine Welt!

Wer Lust bekommen hat sein künstlerisches Talent zu erforschen oder sich einfach mal kreativ ausleben möchte, findet hier weitere Informationen:

http://www.bildhauerschule-reutlingen.de/ 

https://www.facebook.com/Bildhauerschule 





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